Kommentare aus unserem Vorstand zum Gastkommentar von Ueli Schwarzmann im Tages-Anzeiger vom 8. Januar

Elisabeth Walder

«Da bewegen wir uns auf dünnem Eis! Herr Schwarzmann hatte zu seiner Zeit auch viele Kämpfe auszufechten und hatte wohl das Glück, noch zu einer etwas gemässigteren Zeit Direktor der damaligen Alterszentren gewesen zu sein. Die Bandagen in der Politik, mit welchen gekämpft wurden, waren wohl noch nicht ganz so hart wie sie heutzutage sind. Und irgendwie war die Stimmung im Sozialdepartement noch nicht ganz so Finanz-Zahlen abhängig, wie das heute ist. 

Als ich im Jahr 2005 die Leitung des Altersheimes Rössligasse in Bülach übernommen habe, war das grosse Defizit von der damaligen Politik problemlos akzeptiert. Die Alten haben viel gearbeitet, jetzt sollen sie es gut haben. Das hat mir der zuständige Departementsvorsteher beim Anstellungsgespräch gesagt. Dann kamen Neuwahlen und der Wind wurde frischer. Ich musste ein Budget mit einer schwarzen Null vorlegen, d.h. ich musste die Pensionspreise fast um 30% erhöhen! Damals durften die Hotelleriekosten die Pflegekosten noch quer subventionieren, also konnten unsere Pflegenden die BewohnerInnen ohne Pflegeeinstufung auch betreuen, Gespräche führen und ihnen immer mal wieder behilflich sein.

Zwei Jahre später war es nicht mehr möglich, Personen ohne Pflegeeinstufung im Alters- und Pflegeheim aufzunehmen. Und wir mussten zusätzliche Kosten für die Betreuung einführen. Die Vorschriften der Gesundheitsdirektion vom Kanton Zürich waren sehr streng und die Bewilligung zur Führung der Institution hing von der Einhaltung ab. Mit der neuen Pflegefinanzierung war es auch verboten, die Pflege durch die Hotellerie mitzufinanzieren. Aber alle profitieren von der diplomierten Nachtwache, von den 24 Stunden vorhandenen qualifizierten Pflegepersonen für ihre Sicherheit. Das muss abgegolten werden. Ein Heim kann die notwendigen Fachpersonen nur finden, wenn sie richtig entlöhnt werden können. Und das ist auch richtig, der Job ist anstrengend genug. 

Sobald Betreuung von Fachpersonen geleistet werden muss, wird es teuer. Egal, ob im Heim oder zu Hause. Ambulant vor stationär ist sicher eine gute Sache und die meisten Leute wollen ja zu Hause bleiben. Wenn die Betreuung aber entschädigt werden muss, werden wir um riesige Kosten nicht herumkommen. Ich bin ja persönlich auch gespannt, wohin die Entlöhnung von Angehörigen führt und wie das dann schlussendlich finanziert wird. 

Ich hatte mit Herrn Schwarzmann mal einen etwas unerfreulichen Disput als ich ihm in einem Gespräch von meinem Wunsch erzählte, ein Pflegeheim leiten zu wollen. Er meinte, das wäre nur etwas für ausgebildete SozialarbeiterInnen (er war das). Leute mit Managementausbildung hätten da nichts verloren, die würden sich nur um Zahlen und nicht um Menschen kümmern. Ich bin dann trotzdem Heimleiterin geworden und habe mich gut um Menschen gekümmert. Die zuständigen PolitikerInnen haben sich jedoch auch mehr und mehr um Zahlen gekümmert und die Sozialvorstände waren immer die Leute mit den grössten Ausschlägen im Budget! Nicht alle können gut damit umgehen.

Er hat Mitte 2011 seinen Posten weitergegeben. In der Zwischenzeit ist viel passiert und es hat sich vieles verändert. Bin nicht sicher, ob er in diesem Umfeld nochmals seinen Job machen möchte.

Ich jedenfalls bin froh, dass ich nicht mehr zuständig bin und hoffe natürlich, dass ich nie ohne Pflegeeinstufung in eine Institution gehen muss!»

Simone Gatti

«Ich stimme Elisabeth Walder bei und möchte ergänzen: 

Seit 2011 ist den Pflegeinstitutionen nicht mehr erlaubt Betreuungsleistungen als Pflegeleistungen abzurechnen. 

Seither (seit 15 Jahren) verrechnen die Institutionen ausserhalb der Stadt Zürich einen Betreuungszuschlag von 45-90 Franken pro TAG (90 war der Betreuungszuschlag in der Sonnweid). Der Betreuungszuschlag geht zulasten der Bewohnenden. Die Krankenkasse bezahlt nichts daran. Viele Betreute können diesen Betrag der die Hotelpauschale (150-180.—/Tag) nicht aus der eigenen Tasche bezahlen, so dass es zum Vermögensverzehr und zur Ausrichtung von Ergänzungsleistungen kommt.  

Deshalb wachsen die Ausgaben für Ergänzungsleistungen in den Gemeinden sehr stark an. 

In der Stadt Zürich wurde dieser Schritt politisch lange verhindert. Das heisst die Steuerzahlenden bezahlten bis anhin die Betreuungskosten der Menschen in den Institutionen. 

Die Gesundheitszentren für das Alter verrechnen die Betreuungskosten nun den Bewohnenden. Damit entlasten sie die Steuerzahlenden wie in den anderen Gemeinden.

Die Stimmbevölkerung der Stadt Zürich hat letztes Jahr entschieden, allen Zürchern ein öV-Jahres-Abi für 365.- Franken zu ermöglichen. 

Die Stimmbevölkerung könnte auch entscheiden, dass die Betreuungskosten in den Gesundheitszentren wieder über Steuergelder finanziert werden sollen. Dann könnte der Entscheid der Gesundheitszentren zurückbuchstabiert werden.»